La Palma - Einwanderer und ihre Künste

Schwarzwälder Kirsch, Russischer
Zupfkuchen, Linzer Torte, Frankfurter Kranz -schon beim Anblick läuft einem das Wasser im Munde
zusammen. Die Theke ist umringt von Leckermäulern, die geduldig anstehen, bis
sie an der Reihe sind. Hinter der Theke bedient Werner Schimeck. Geschickt
platziert er die Tortenstücke aufs Tablett, packt ein, kassiert und wendet sich
mit einem Lächeln dem nächsten Kunden zu.
Einwanderer erhoffen sich eine Existenz
Die vielen Köstlichkeiten stehen nicht
etwa in einer erlesenen Konditorei, sondern auf dem Bauernmarkt in Puntagorda,
einem kleinen Ort im Nordwesten von La Palma. Und Werner Schimeck ist
keineswegs Konditor. Der 65-Jährige war im Schwarzwald Innenarchitekt, bevor er
sich vor 13 Jahren auf der kanarischen Insel mit dem Kuchenbacken eine Existenz
aufbaute. „Es war das milde Klima, das mich herzog. Das Backen von Torten habe
ich mir mit einfachen Mitteln selbst beigebracht", erinnert sich Schimeck. Nahe
dem kleinen Dorf Las Tricias lebt und arbeitet der Vater in einer ehemaligen
Mühle. „Rund 60 Kuchen backe ich jede Woche. Der Renner ist die Engadiner
Walnusstorte, eine Spezialität, die ich aus dem Schwarzwald mitgebracht habe",
schwärmt der selbsternannte Zuckerbäcker.Die meisten europäischen
Einwanderer auf der Kanareninsel sind Deutsche. Waren es in den sechziger,
siebziger Jahren die Aussteiger der Hippiebewegung, die in den Höhlen der
einstiegen Ureinwohner, in selbstgebauten Hütten oder an einsamen Buchten ihr
Glück suchten, so sind es heute ausgebrannte Karrieristen, die auf der drittkleinsten
Insel der Kanaren nach mehr Ruhe und Ausgeglichenheit streben. Viele von ihnen
erhoffen sich eine neue Existenz. Der moderne Aussteiger vermietet Gästebetten,
renoviert Häuser, kreiert Schmuck oder backt Schwarzwälder Kirchtorte.
Insel der Naturvielfalt und Kontrasten
Auf der wasser- und waldreichsten
Insel des kanarischen Archipels ist die Landwirtschaft Haupteinnahmequelle der
Palmeros. Deshalb hat sich die isla verde,
grüne Insel, wie sie von kanarischen Nachbarn anerkennend genannt wird,
erst später und wesentlich sanfter dem Tourismus geöffnet. Bei gleich
bleibenden Frühlingstemperaturen bietet die Insel mit einem rund 850 Kilometer
gut ausgebauten Wanderwegenetz das ganze Jahr über vor allem Naturfreunden und
Aktivurlaubern ein ideales Klima. Auffällig sind die Naturvielfalt und die Kontraste
der Insel: hohe Gebirgszüge von fast 2500 Meter Höhe und kraterartige
Vulkanlandschaften, tief eingerissene Schluchten und schroffe Steilküsten,
ausgedehnte Kieferwälder und Reste von tertiären Lorbeerwäldern oder Jahrhunderte
alte Drachenbäume. Hinter jeder Biegung, von jeder Anhöhe ist ein Panoramablick
garantiert und fast immer unverstellt auf den Atlantik.
Die ersten Inselbewohner kamen aus Afrika
Besonders stolz sind die Palmeros
auch auf die Kulturgeschichte ihrer isla
bonita, die schöne Insel. Die ersten Einwanderer kamen 2.000 vor Christus aus Nordafrika. Die
Altkanarier, die seit ihrer Eroberung durch die Spanier auch Benahoaritas,
benahoare - mein Land, genannt werden, lebten in Wohnhöhlen, die an vielen
Stellen der Insel heute beliebte Ausflugsziele sind. Ende 2009 hat die
Inselregierung die Eröffnung eines weiteren von jetzt drei Themenparks beschlossen,
in denen das Leben und Überleben der frühen Inselbewohner studiert werden kann.
Töpferwerkstatt El Molino nahe Mazo
Zahlreiche Fundstücke aus dieser
Zeit hat Ramón Rodriguez mit seiner Frau Vina genauer untersucht. In einer ehemaligen Mühle, fertigen die
Kunsthandwerker Schüsseln und Schalen nach prähistorischem Vorbild an. Rodriguez
führt Besucher gern durch sein Atelier und lässt sich bei der Arbeit über die
Schulter schauen. „Wir bearbeiten den schwarzen Ton ohne Drehscheibe mit den
Werkzeugen, die auch damals verwendet wurden und verzieren die Reproduktionen
mit einem Holzspachtel", erklärt Rodriguez. Seine Töpferwerkstatt El Molino ist
auch Ausstellungsraum für zahlreiche archäologische Fundstücke, die teilweise
auf 800 bis 900 Jahre geschätzt werden.
Palmeros stolz auf Kulturgeschichte
Dass die Palmeros das traditionelle
Kunsthandwerk schätzen und pflegen, zeigt sich an zahlreichen Stellen der Insel. In
Mazo, wenige Minuten von der Keramikmühle entfernt, gibt es eine
Kunsthandwerkerschule, das Museum Casa Roja dokumentiert die alljährliche
Fronleichnamsprozession und stellt traditionelle Stickereien aus. In
unmittelbarer Nachbarschaft, auf dem Bauernmarkt von Mazo, zeigen Frauen die
alte Sticktechnik, mit der noch heute Trachten, Aussteuer, Tischdenken
aufwendig verziert werden. So viel Kunst macht hungrig. Im unteren Geschoss der
Markthalle bieten Händler kulinarische Köstlichkeiten feil: Marmeladen,
Mandelmus, Wein, Ziegenkäse, Avocados. Oder eben ein Stück Schwarzwälder
Kirsch, das Maria - Kollegin des Zuckerbäckers aus Puntagorda - den Besuchern schmackhaft
auf der Hand serviert.
Der Artikel ist erschienen in der Schweriner Volkszeitung, der WAZ, im Straubinger Tageblatt und im Online-Reisemagazin
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