(Selbst-) Führung in Corona-Zeiten (Teil 1). In Seminaren zum Thema Führung und Veränderung beginne ich gern mit einem Modell. Nach dem Veränderungsmodell von Schmitz-Tanger verlaufen Veränderungen nach Phasen ab. Deutlich zeigt sich dabei, dass Veränderungen vor allem Zeit benötigen und dass sich die Wahrnehmung der eigenen Kompetenz im Prozessverlauf auf einen Tiefpunkt sinkt – dem Tal der Tränen. Am Ende steigt die Selbstwahrnehmung der Kompetenz wieder und zwar auf einen höheren Wert als zu Beginn der Veränderung. Das spricht für die eigene Entwicklung. Wenn ich mich der Veränderung stelle, stärkt mich das nicht nur, sondern lässt mich auch wachsen, mir stehen mehr Handlungs- und Denkmodelle zur Verfügung.
Heute möchte ich das Modell auf die Corona-Zeit übertragen

Vom Schock ins Tal der Tränen

Die Kernaussage des Modells ist, dass jeder Mensch diese Phasen durchläuft unabhängig davon, ob es eine positive oder kritische Veränderung ist, ob ich sie selbst herbeiführe oder sie von außen auf mich zukommt. Manche Menschen gehen schneller durch diese Phasen, andere tun sich sehr schwer. Manche Anpassungsprozesse verlaufen innerhalb Minuten – wie zum Beispiel die Erkenntnis, wenn am Morgen mein Fahrrad platt ist und ich mit dem Bus fahren muss und andere Veränderungen sind schwerwiegender und dauern manchmal Jahre, insbesondere bei großen Schicksalsschlägen wie Trennung, Krankheit oder Tod des eigenen Kindes. Jedoch kann ich keine Phasen überspringen, wohl aber steckenbleiben.

Ein Veränderungsmodell für die Corona-Zeit

Ja, es ist ein Modell, ein Modell, ein Modell… Und dennoch, wir können es ja einfach mal als Hypothese annehmen und so tun als ob da etwas Wahres dran ist und wenn das so wäre, was würde das für mich bedeuten? Wenn ich mich öffne für diese Art von Reflexion, dann bin ich zumindest um einige Erkenntnisse reicher.

Besonders anschaulich lässt sich das Modell auf die Corona-Zeit übertragen. Das wurde mir klar, als ich mich am Tiefpunkt dieser Zeit erlebte. Ich akzeptierte, dass auch ich mich verändern müsse und sprang dann zwischen Widerstand und dem Experimentieren in kleinen Schritten.

Schock/Überraschung – „Das darf nicht wahr sein“

In der ersten Phase der Veränderung bin ich konfrontiert mit der Information, dass das Virus nicht etwa weit weg in China wütet, sondern auch uns in Deutschland unmittelbar betrifft und im weiteren Verlauf natürlich auch bedroht. Menschen können in dieser Situation kurz oder länger mit Schreck reagieren, mit Starre, fühlen sich vor den Kopf gestoßen, gelähmt, überrascht, geschockt. Meine Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse stimmen nicht mehr mit der Realität überein.

Veranstaltungen wurden abgesagt, Termine verschoben, Aufträge storniert – so sah das bei mir aus. Von einem Tag auf den anderen hatte ich keine Arbeit mehr und damit keinen Verdienst. Bereits im Februar verstarb der erste Infizierte in Europa (Frankreich). Die ersten Hygienemaßnahmen und strenge Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen folgten (22.3), die Mundschutzpflicht Ende April und Anfang Mai erste Lockerungen. Auch heute gibt es weiter Mundschutz- und Abstandsregeln und nicht alle Einrichtungen sind geöffnet. Von einem normalen Alltag sind wir weit entfernt. Ob es jemals wieder so wird wir vor Corona ist sehr fraglich. Manche wünschen sich die alte Zeit zurück, andere stellen das Alte in Frage und hoffen darauf, dass sich endlich gravierend etwas ändert.

Zu Anfang sah auch ich eher zuversichtlich in die Zukunft, freute mich, dass die Natur sich ihren Raum nimmt, der Alltag sich entspannte und ich all die Dinge tun konnte, die schon lange auf meiner Liste standen. Drei Monate, dachte ich, das halte ich durch.

Verneinung – „Nicht mit mir!“

In dieser Phase zeigt sich, dass wir innerlich darauf bestehen, dass das, was gerade ist, nicht sein kann. Alle Einstellungen, Glaubenssätze, Werte werden von uns aktiviert. Wir fühlen uns im Recht mit unserem Denken und vertreten das auch lautstark. Ärger ist vorrangiges Gefühl, wir regen uns auf, stellen Maßnahmen, Regelungen und Statements in Frage und sind darin recht stur und rigide.

Ich erinnere mich gut an diese Phase, da ich mit einer guten Freundin arg in Diskussion geriet, weil ich bestimmte Maßnahmen in Frage stellte, schneller die Lockerungen sah und meine Freundin sich um ihre Gesundheit sorgte, Kontakt auf Spaziergänge mit Abstand reduzierte und froh war, dass die Regierung jeden Schritt vorsichtig abwog. Ich merke, die Kommunikation in Corona-Zeiten wird mehr und mehr zu einer Wertediskussion. Mich erschütterte dies, weil es uns Menschen noch mehr voneinander trennte.

Rationale Einsicht – das Problem liegt bei den Anderen

In der dritten Phase sackt so langsam die Einsicht durch, der Veränderung nicht ausweichen zu können. Nur ist noch nicht wirklich klar, was sich konkret und wie verändern wird. Es steht die Frage im Raum „Was soll ich jetzt tun?“. Schnelle Lösungen werden ad-hoc herbeigeführt, es wird an unbedeutenden Stellschrauben etwas verändert, um das Problem möglichst schnell vom Tisch zu haben. „Ja, aber…“ –Schleifen und Abwehr (das geht bei uns nicht, weil…) verdeutlichen, dass die eigene Sicht noch vergangenheitsbezogen und problemorientiert ist und man der Ansicht ist, Veränderung ist ja gut und schön, aber verändern sollen sich bitteschön die anderen.

Ich bemerkte in dieser Phase allzu deutlich meinen eigenen Frust und der wechselte sich ab mit meinem Widerstand, überhaupt diese Situation akzeptieren zu wollen. Im Alltag ertappte ich mich immer wieder bei der naiven Vorstellung, ich müsse nur lange genug den Kopf in den Sand stecken und wenn ich wiederauftauchte, sei Schluss mit Corona und mein Leben mit all seinen Annehmlichkeiten und Gewohnheiten wieder mein Leben. In dieser Zeit gab es keinen Tag, an dem ich mich nicht über irgendetwas aufregte, was gerade an Nachrichten und Statements durch alle Kanäle waberte. In stillen Minuten hatte ich den Eindruck, ich sei 14 Jahre alt und gegen alles und nichts.

Die Zeit der Tiefenentspannung war endgültig vorbei. Ich war nervös, schlief nicht mehr gut, fühlte mich von den Anforderungen gestresst, macht mir finanzielle Sorgen, schaute abendfüllend Nachrichten und Sondersendungen und reagierte zunehmend gereizt auf die Vielzahl von Online-Angeboten, die aus dem Boden sprießen und mir ordentlich Druck machten, jetzt auch schnell auf diesen Zug aufspringen zu müssen. Je mehr Webinare, Life-Sessions und Zoom-Konferenzen ich mir anschaute, desto frustrierter war ich und desto weniger wusste ich, was ich tun sollte.

Emotionale Akzeptanz – „Auch ich muss mich verändern?!“

In dieser Phase sind wir an einem schwierigen Punkt. Im Moment, wo wir die Realität erkennen, auch ich muss mich anpassen und verändern, sinkt die Einschätzung der eigenen Kompetenz auf den Tiefpunkt, ins „Tal der Tränen“. Hier geht es darum, Altes loszulassen und auf das Zukünftige mit Freude zu schauen – das ist oft nicht einfach. Es entsteht mitunter das Gefühl, bis hierher war es schon so anstrengend, man habe doch alles ausprobiert; Zweifel an sich selbst, Versagensängste und depressive Gefühle können einen aus der Bahn werfen.  Allzu verlockend ist es, sich in diesen Moment zu ergeben und darin stecken zu blieben. Allerdings, wenn wir uns nicht einlassen, verstärken wir die emotional belastende Situation. Bekannte Handlungsweisen, alte Glaubenssätze, Einstellungen, Werte scheinen ausgeschöpft und der Eindruck entsteht, man habe doch jetzt alles schon versucht. Es ist die Zeit, bisherige Verhaltensweisen zu würdigen und zu überlegen, welche Dinge auch in Zukunft sinnvoll sind sowie klar zu entscheiden, was hinter einem bleibt. Trauer, manchmal noch verborgen hinter einem Wutausbruch, ist ein wichtiges Gefühl in dieser Phase. Abschiedsrituale, die richtigen Menschen an seiner Seite und allen Gefühlen Raum geben – das wäre hier der Tipp. Und: Schlimmer wird es nicht, nach dieser Phase geht es wieder bergauf.

Was in dieser Phase besonders hilfreich ist, wie es mir persönlich damit ging und wie ich einen Schritt weiterkam und welche Phasen noch wirken, erzähle ich im Teil 2.

Foto: pixabay, Kathleen Bergmann