Gefühle und Emotionen gehören zu unserem Leben wie der Atem. Manches Mal möchten wir sie vermeiden, kontrollieren und vor anderen verbergen. Und wenn wir uns gut fühlen, verlangen wir nach mehr Gefühlen. Häufig machen sie uns allerdings einen Strich durch unser Wollen und Sehnen und tauchen auf, wie es ihnen gefällt. Eindeutige wissenschaftliche Definitionen gibt es nicht und im Alltag verwenden wir beide Begriffe häufig synonym. Dieser Beitrag geht der Frage nach, was der Unterschied zwischen Gefühle und Emotionen ist: Gefühle äußern, was gerade jetzt in mir vorgeht und Emotionen sind unterdrückte Gefühle aus der Vergangenheit.

Gefühle – Kein Erleben bleibt ohne Wirkung

Gefühle kommen unvermittelt und spontan daher. Sie sind immer präsent, mal stärker und mal schwächer, lassen uns Lebendigkeit, Kraft und Energie spüren. Jede Situation in unserem Leben ist verbunden mit einem Gefühl. Häufig ist uns dies gar nicht bewusst. Das Gehirn verknüpft alles Erleben zu einem immer größer werdenden Erfahrungsgedächtnis. Im Alltag helfen Gefühle dabei sich zu orientieren, Situationen zu bewerten und Entscheidungen zu treffen. Je mehr Erfahrungen, desto differenzierter wird unser Bewertungssystem. Gefühle sind der Schlüssel zu dem, was wir brauchen und äußern, was jetzt gerade in mir vorgeht, was ich mag und was ich nicht mag.

Gefühle sind die Sprache des Körpers

Gefühle sind körperlich spürbare Signale – somatische Marker. Je intensiver sie sind, desto ausgeprägter ist unsere Körperreaktion z.B. Herzklopfen, weiche Knie, Kloß im Hals, Schmetterlinge im Bauch, Rot werden. Die körpereigenen Signale unterscheiden sich. Im Vortrag vor großem Publikum zittern dem einen Redner die Knie, der andere spürt einen Kloss im Hals, der dritte bringt keinen Ton raus und der nächste spürt ein feines Kribbeln auf der Haut. Die Reaktionen sind in Ausprägung und Intensität individuell. Und erst durch diese Köperreaktion wird uns das Gefühl bewusst. Im Verlauf formt sich im Bewusstsein der Impuls etwas zu tun oder zu lassen – verbal und nonverbal.

Gefühle wirklich fühlen und ausdrücken im gegenwärtigen Moment

Gefühle drücken sich spontan aus, kommen unschuldig daher, lassen Energien fließen. Wir fühlen uns lebendig, kraftvoll und kreativ. Gefühle bringen Menschen einander näher und stärken unsere Herzenswärme. Du kannst im eigenen Körper erleben, dass Gefühle nur einige Sekunden anhalten und mit dem nächsten Atem kommt ein neues Gefühl. Gefühle kommen und gehen, ziehen vorüber wie ein Gewitter und danach ist die Luft klar und rein.

In einer guten Gefühlsbalance fühlen wir, was wir wirklich fühlen und drücken genau im gegenwärtigen Moment aus, was ist. Lache bis der Bauch weh tun, lass die Tränen laufen wie sie kommen, brülle wie ein Tiger, springe vor Freude in die Luft und tanze aus purer Lebenslust. Lass es raus und spüre dieses Gefühl genau dann, wenn es da ist.

Natürlich entscheidest du selbst, dass im Alltag nicht immer der passende Moment ist, um deine Gefühle auszudrücken. Und dann hilft es manchmal sich zu einem späteren Zeitpunkt die Situation nochmal vor Augen zu führen, den aufkommenden Gefühlen nachzuspüren und über den Körper zu entlasten.

Wenn wir verärgert sind, Wut oder Enttäuschung empfinden, dann denken wir häufig, der andere sei für unser Leid verantwortlich. Dann sprechen Emotionen aus dir heraus und die kommen aus der Vergangenheit. Ein anderer Mensch kann Auslöser sein, verantwortlich sind wir selbst für unsere Gefühle. Dies zu erkennen ist ein erster wichtiger Schritt, um aus emotionalen Situationen herauszufinden.

Wie werden aus Gefühlen Emotionen?

Unterdrückte Gefühle sammeln sich in einem Speicher von Emotionen, die die Harmonie von Geist und Körper beeinträchtigen. Früher oder später kehren sie als destruktive Emotionen zurück. Irgendwann macht sich der aufgestaute Druck vergangener Gefühle Luft. Wenn Gefühle verdrängt werden, speichert der Körper die Spannung in seinem Gewebe und in den Muskeln.

Viele von uns haben von Kindheit an gelernt, Gefühle zu unterdrücken. Mit Verletzungen, Kränkungen, schmerzhaften Erfahrungen verdammten wir unliebsame Gefühle manchmal tief in unserer Seele und übernahmen mehr und mehr angepasste Verhaltensweisen. Die Folgen zeigen sich bis ins Erwachsenenalter: wir fühlen uns wertlos, ungeliebt, unterlegen und unverbunden.  Wir haben verlernt Gefühle wirklich im Hier und Jetzt zu fühlen. Stattdessen versuchen wir unsere Emotionen weiter zu verdrängen aus Furcht, die Kontrolle darüber ganz zu verlieren.

Emotionen beschuldigen gern und haben keine Ohren

Emotionen wirken auf einer unbewussten Ebene aus der Vergangenheit, etwas, das bereits geschehen ist. Lange Zeit gelingt es uns, unsere Emotionen unter Verschluss zu halten. Je länger wir das versuchen, desto überwältigender kommen sie zum Ausdruck. Denn irgendwann ist das Fass voll. Meist ist der Ausbruch der Situation nicht angemessen. Unsere Mitmenschen sind irritiert und ziehen sich zurück.

Emotionen beschuldigen gern, klagen an, machen Vorwürfe und sagen: „Immer machst du…“ oder „du bist schuld, dass…“ oder „nie kannst du…“. Emotionen wollen überzeugen, argumentieren, diskutieren, fragen nach Schuld und suchen nach Rechtfertigung. Emotionen trennen uns von dem anderen und führen zu Missverständnissen. In emotionalen Situationen sind wir erschöpft und angespannt, erleben Schwere, Hoffnungslosigkeit und Schmerz. Das Ego übernimmt das Steuer.

Wie du die Gefühle hinter den Emotionen wieder lebendig werden lässt

Alte Emotionen müssen wir darin unterstützen wirklich den Körper zu verlassen. Erwecke deinen Körper und komm in Bewegung. Damit löst du Spannung und festsitzende Gefühle lockern sich: Ein Lauf in der Natur, Luftboxen, Austreten, tönen, stöhnen, schreien, tanzen, zittern oder Gebberish brabbeln (sinnlose Wörter sprechen). Heiße alles willkommen und gib allen Empfindungen Ausdruck. Spannung kann transformieren und blockierte Energie wieder fließen. Der Körper fühlt sich danach wie gereinigt (Katharsis) an. Dann kommen endlich die Gefühle zum Vorschein, die hinter den Emotionen verborgen waren. Und es fällt wieder leichter diese auszudrücken und darum zu bitten, was immer wir benötigen.

Zugeben, es ist nicht einfach – dein Ego wird daran festhalten wollen, dass der andere schuld an deiner Misere ist. Zu verlockend ist es, in der Erstarrung zu verharren, die Decke über den Kopf zu ziehen oder unliebsame Empfindungen mit Alkohol, Fernsehen, Social-Media, Essen zu kompensieren. Wobei keinesfalls etwas einzuwenden ist gegen ein Glas Wein, den schönen Film oder einem köstlichen Stück Schokolade – es kann mir guttun und mich zunächst beruhigen. Aber um wieder Zugang zu deinen wahrhaftigen unmittelbaren Gefühlen finden, ist es wichtig, zu erkennen, dass dein jetziger Zustand aus der Vergangenheit kommt. Und mit dieser Erkenntnis gehst du ins Bewusstsein und bist bereit für einen ersten Schritt in die Veränderung.