Das Thema Emotionen begleitet mich in meinem gesamten Erwachsenenleben und beruflich seit etwa 20 Jahren. Ich unterstütze Menschen darin, mehr emotionale Kompetenz in ihren Alltag zu bringen. Als Coach und Trainerin bin ich mit diesem Thema sehr erfolgreich und dennoch gestehe ich: Ich bin selbst auch emotional. Gern hätte ich das anders, lerne aber immer besser mit emotionalen Situationen umzugehen. Emotional zu sein finde ich völlig normal. Ziel beim Umgang mit Emotionen ist es nicht etwa Emotionen auszumerzen, sondern einen liebevollen Umgang mit ihnen zu pflegen und zu lernen, Gefühle genau dann auszudrücken, wenn sie da sind. Wie es mir geht, wenn ich emotional bin und was ich mir und meinen Klienten dann empfehle, darüber schreibe ich in diesem Beitrag.

Emotionen sind eine lebenslange spannende Entdeckungsreise

An die Emotionen in meiner Kindheit habe ich kaum Erinnerung. Es gab keine Wutausbrüche, Heulanfälle oder aggressive Attacken, mit denen ich mein Umfeld konfrontierte. Ich war ein stilles Mädchen, auf dem Schulhof manches Mal das fünfte Rad am Wagen und riss mir heimlich Haare in Büscheln aus, die ich dann unter dem Bett versteckte. Das war`s schon mit den Erinnerungen. Und da liegt auch bereits das Problem: Es gab keinen Raum, Gefühle unmittelbar auszudrücken, in dem Moment, da ich sie im Körper spürte. Ebenso fehlte die positive Resonanz, die mir sagte, Gefühle auszudrücken ist gut und wichtig. Und so wie mir, geht es sehr vielen Menschen meiner Generation. Die  Babyboomer kennen Sätze wie: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „Reiß dich zusammen“, „Erst die Pflicht, dann das Vergnügen“ und viele ähnliche. In den Erziehungsbüchern predigten die Experten, dass ein Zuviel an Liebe die Kinder nur verhätscheln würde.

Wie erlangen wir ein mehr an emotionaler Kompetenz?

Kaum der Kindheit entwachsen, fehlte mir etwas in meinem Leben. Auf der Suche nach Verbundenheit, Lebendigkeit, Freude, Sinn bewegt mich das Thema Emotionen schon mein ganzes Erwachsenenleben. Seit 20 Jahren sind die Emotionen auch beruflich in Seminaren und Coachings ein sehr wichtiges Schwerpunktthema.

In Coaching-Prozessen und Workshops zur Persönlichkeitsentwicklung erläutere ich sauber den Unterschied zwischen Emotionen und Gefühlen und begleite den Weg zu mehr emotionaler Kompetenz. Emotional kompetent gehen wir mit Gefühlen um, wenn wir sie wahrnehmen, verstehen, entlasten sowie regulieren und sie gleichermaßen in unseren sozialen Interaktionen nutzend einbringen können.

In der Reflexion geht es zunächst häufig um Fragen wie:

  • Was fühlst du, wenn du an diese Situation oder an diesen Menschen denkst?
  • Wo spürst du dieses Gefühl im Körper, was genau spürst du?
  • Wie kannst du diesem Gefühl mehr Ausdruck, mehr Raum geben?
  • Wo gibt es frühere Situationen, in denen du ähnliches gefühlt hast?
  • Was möchtest du am liebsten tun, wenn du dich erinnerst an diese Situation?
  • Wie kannst du im Alltag lernen deine Gefühle in ihrer ganzen Vielfalt zu identifizieren und zu unterscheiden?
  • Was kannst du tun, wenn du im Miteinander emotional reagierst, wie kannst du dir helfen in der Situation?
  • Was oder wer kann dich noch unterstützen, mehr emotionale Kompetenz in deinen Alltag zu bringen?

Viele Menschen hegen den Wunsch und die Sehnsucht, dass sie ihre Emotionen eines Tages so kontrollieren können, dass sie sie nicht mehr aus der Bahn werfen, dass sie entscheiden können, wann sie welche Emotionen zeigen und wann nicht. Das hätte ich auch gern – zumindest glaubte ich viele Jahre daran, mehr Kontrolle zu wollen.

Heute weiß ich, Gefühle sind Ausdruck meines Selbst und Emotionen signalisieren mir, dass nicht ausgedrückte Gefühle aus der Vergangenheit an die Oberfläche kommen und gespürt und anerkannt werden wollen.

Es passiert aus heiterem Himmel – eine willkürliche Empfindungsflut bricht sich Bahn

Ich gerate in eine emotionale Situation ganz unvermittelt; ein Anliegen an meine Auftraggeberin, ein heikles Thema mit meiner Tochter oder ein ganz bestimmter Satz meines Partners. Und zack übernimmt das Reptiliengehirn die Führung: ich atme flacher, schwitze, meine Stimme wird dünner und mein Herz klopft. Ich rechtfertige mich, klage an, fordere, erhebe Vorwürfe und kann kaum zuhören. Alles geht sehr schnell. Eine willkürliche Empfindungsflut, die aus dem Unterbewusstsein kommt. Der Ablauf ist immer gleich: Es beginnt schnell und plötzlich, die emotionale Reaktion ist sehr stark und intensiv und später bereuen wir, was wir gesagt oder getan haben. Daran erkenne ich: Ich bin emotional.

Mittlerweile bemerke ich meine Emotionalität häufig bereits während des Gesprächs, auch wenn es mir nicht immer gelingt, das Ruder rumzureißen. Privat und in nahen Beziehungen habe ich gelernt, in der Situation zuzugeben, dass ich gerade emotional bin und Raum für mich brauche. Ich beruhige mich, sortiere neu, reflektiere, übernehme Verantwortung für meine Gefühle und frage mich, was ich gerade brauche, was mir fehlt. Nach einer gewissen Zeit der Innenschau kann ich wieder auf den anderen zugehen und falls noch nötig, eine Bitte äußern. Meist hat sich das allerdings schon erübrigt – ein weiteres Zeichen dafür, das Emotionen nichts mit dem anderen zu tun hat. Manchmal brauche ich den Blick von außen, dann helfen mir vertiefende Fragen und die Spiegelung sowie Wahrnehmung einer guten Freundin, um wieder klar zu sehen.

Fazit

Gefühle gehören zu unserem Leben wie das Atmen. Emotionale Kompetenz ist ein lebenslanger und spannender Prozess. Wir können uns jederzeit öffnen für unsere alten und nicht gelebten Gefühle. Es ist dabei wichtig, dass ich mich annehme und liebevoll mit allem bin, was da ist. Und: ich muss es nicht alleine tun und kann mir dabei helfen lassen, in einem geschützten Rahmen das Fühlen wieder ins Bewusstsein zu holen.

Ich bin Expertin für emotionale Kompetenz und ich bin in bestimmten Situationen selbst emotional und das ist vollkommen in Ordnung.