Mitarbeiter:innen sind motiviert und fühlen sich mit dem Unternehmen verbunden, wenn ihre Leistung und ihr Engagement gesehen und gewürdigt werden. Auch wenn Anerkennung und Wertschätzung in den Leitbildern der meisten Kulturen verankert sind, wünschen sich Mitarbeiter:innen mehr Anerkennung. Auf der anderen Seite ist manch Führungskraft davon überzeugt, Lob als wichtiges Führungsinstrument nahezu täglich anzuwenden. Warum Anerkennung unser Überlegen sichert und woher es kommt, dass wir davon nie genug bekommen können, beschreibe ich in diesem Beitrag. Außerdem erläutere ich, warum Lob nichts mit Wertschätzung zu tun hat und worin sich Anerkennung und Lob unterscheiden.

Anerkennung drückt aus, was ich wahrnehme und schätze

Schließ einen Moment deine Augen und erinnere dich an eine Situation, in der du für etwas wahrgenommen und geschätzt wurdest. Etwas, dass du getan oder gesagt hast, hat einen Eindruck bei deinem Partner, dem Chef oder einer Freundin hinterlassen. Erinnerst du dich, was du gefühlt hast, als du die Anerkennung erhalten hast?

Ich erinnere mich an ein Telefongespräch mit einer Frau, die ich bis dahin noch nicht persönlich kennengelernt hatte. Die Atmosphäre war warmherzig, wir versicherten uns gegenseitig unsere Sympathie und plauderten wohlwollend miteinander. Sie spiegelte mir ihre positive Wahrnehmung bezüglich meiner Internetseite, lobte mich und drückte aus, wie toll sie findet, was ich mache. In mir kribbelte es, wohlige Wärme breitete sich im Körper aus. Ihre Rückmeldung ging mir buchstäblich runter wie Öl. Zumal ich meinerseits eine sehr hohe Meinung von ihr hatte und sie als sehr integer und kompetent ansah. Ich fühlte mich gesehen, wahrgenommen und geschätzt.

Soziale Akzeptanz sichert unser seelisches Überleben

Soziale Anerkennung als ein evolutionär grundlegendes Bedürfnis ist bis heute genetisch in uns wirksam. Unser seelisches Überleben hängt davon ab, ob wir bedeutsam und wertvoll sind. Durch Rückmeldungen aus unserem Umfeld lernen wir von Kindheit an Geschehnisse einordnen und unsere Verhaltensweisen anzupassen. Soziale Akzeptanz formt unsere Identität. Andere Menschen sind wie ein Spiegel für uns. Wir schauen hinein, betrachten uns und schätzen unseren Wert ein.

Zustimmung signalisiert uns, wir sind wichtig, wir gehören dazu, wir sind Teil der Gruppe. Das ist in der Familie, in Partnerschaft und in beruflichen Teams eine wichtige Bestätigung für Zugehörigkeit. Anerkennung scheint etwas zu sein, von dem wir nie genug bekommen können.

Führungskräfte loben häufiger als dass sie Anerkennung aussprechen

Und doch spiegeln Umfrageergebnisse in Unternehmen mangelnde Anerkennungskultur wieder. In meinen Führungskräfteseminaren sind wir uns schnell einig, dass Lob und Anerkennung wichtige Führungsinstrumente sind, um Mitarbeitende zu motivieren und an das Unternehmen zu binden. Und dennoch beklagen Mitarbeitende, dass sie zu wenig (positive) Rückmeldungen erhalten. Die Wirkung von Ankennung wird immer noch unterschätzt.

„Früher habe ich meine Mitarbeiter noch regelmäßig gelobt“, so Jürgen P., Abteilungsleiter des Jugendamtes und zuständig für 135 Mitarbeitende und fünf Fachbereiche. Auf die Frage wie er das konkret gemacht habe, beschrieb er, dass er häufig äußerte: „Das hast du richtig gut gemacht!“ oder „Klasse, weiter so!“. Manchmal, wenn man sich gut kannte, klopfte er dem Mitarbeitenden auch mal auf die Schulter. In letzter Zeit fehle ihm die Zeit und er habe auch den Eindruck, dass das Lob gar nicht richtig ankomme. Kein Lächeln, kaum ein Dank und oft nur ein schmallippiges Lächeln seien die Reaktionen. Er beschränke sich nun auf die jährlichen Beurteilungsgespräche, bemerke aber, dass die Atmosphäre oft angespannt ist.

Jürgen P. ist seit 30 Jahren bei der Verwaltung und noch mit autoritären und hierarchischen Strukturen kultiviert. Viele Jahre hatte er einen Chef, für den fehlender Tadel schon Lob genug war. Heute gewöhnt sich Jürgen P. nur langsam an Begriffe wie Mitarbeiterkommunikation, Feedback, Wertschätzung, konstruktive Kritik, Anerkennung. Allerdings ist er sich nicht sicher, ob er es auch richtig anwendet.

Was war hier nur schiefgelaufen? Mit einem Lob urteilen wir über andere und Lob unterscheidet sich von Anerkennung durch Wertschätzung.

Lob hat nichts mit Wertschätzung zu tun

Lob funktioniert als Anerkennung nicht, weil es hierarchisch wirkt. Lob und Tadel werden aus einer überlegenden Position heraus ausgesprochen – der Lehrer lobt seinen Schüler, der Ausbilder tadelt seinen Lehrjungen und auch Chefs loben und tadeln ihre Mitarbeiter und nicht umgekehrt. Wer sich herausnehmen darf zu loben, der darf auch tadeln.

Lob ist ein zweischneidiges Schwert: Wenn der Laie dem Sternekoch gegenüber äußert: „Das haben Sie aber toll gekocht“ – wirkt das eher peinlich. Umgekehrt wird sich der Hobbykoch sicher über solch ein Lob freuen. Gelobt werden möchten wir nur von Menschen, dessen Erfahrungsschatz und Fähigkeiten wir anerkennen. Wir möchten nur beurteilt werden von Menschen, denen wir ein kompetentes Urteil zutrauen. Ein: „Mich beeindruckt, wie du das gemacht hast.“ – dieses Lob können wir annehmen, wenn es von jemandem kommt, dessen Expertise wir vorbehaltlos anerkennen.

Mit einem Lob sprechen wir ein Urteil über den anderen aus

„Da haben Sie gute Arbeit geleistet.“ – „Sie sind ein sensibler Mensch“ – „Es war nett von dir, mich während meines Urlaubs zu vertreten.“ Lob, auch wenn es noch so positiv gemeint ist, drückt meist ein Urteil über den Anderen aus. Der Lobende entscheidet, ob die Arbeit gut ist, der Mensch sensibel oder nett ist. Ein solches Lob sagt so gut wie nichts über den Lobenden, was in ihm vorgeht, was es mit ihm macht, was es auslöst. Vielmehr lässt sich gar eine Absicht hinter dem Lob vermuten – der Lobende möchte etwas von mir. Eine wertschätzende Anerkennung feiern das Verhalten und äußert, in welcher Weise das Leben durch den anderen schöner wurde.

Lob als Kompliment definieren?

Ich stoße in meinen Seminaren oft auf Wiederstand, wenn ich in der Begrifflichkeit sehr genau bin und darum bitte, zumindest das Loben einmal von einer differenzierten Perspektive aus zu betrachten. Ich rege gern an, Lob eher als Kompliment zu verstehen – kleine spontane Äußerungen, die unseren Alltag versüßen. Je konkreter und persönlicher ein Kompliment auf die jeweilige Person zugeschnitten ist, desto wirksamer ist es und desto leichter kann der Empfänger es annehmen. Und: Jede Art von positiver Rückmeldung ist wertvoll. Allerdings lohnt es sich, die Begrifflichkeiten voneinander abzugrenzen und so zu erkennen, wie es tatsächlich beim anderen ankommt.

Ob ein Lob oder ein Kompliment, eine wertschätzende Anerkennung kann mehr und geschieht auf Augenhöhe.

Anerkennung motiviert und bestärkt den anderen

Anerkennung braucht einen konkreten, aktuellen Anlass oder Bezug und würdigt Erfolge, Leistungen, Anstrengungen, Bemühen, Engagement oder persönliche Eigenschaften. Wir nehmen etwas wahr, weil wir genau hinschauen: Wir erkennen etwas, können es so anerkennen und dieses als positive Rückmeldung ausdrücken, verbal und nonverbal. Anerkennung geschieht auf Augenhöhe. Es ist mehr als ein Kompliment und nicht so gönnerhaft oder beschämend wie ein Lob. Anerkennung bestärkt und motiviert den anderen und festigt die Beziehung.

Wenn wir eine Ankerkennung aussprechen möchten, ist es wichtig zu wissen, was genau das Verhalten, die Äußerung mit uns macht. Was berührt, erstaunt, begeistert mich und welche Werte werden in mir angesprochen.

Eine wertschätzende Anerkennung drückst du aus, indem du

  • die Situation, das Erleben, deine Wahrnehmung aus deiner Sicht schilderst
  • die Gefühle beschreibst, die der Andere mit seinem Verhalten, seiner Äußerung in dir auslösen
  • deine Gefühle mit deinen Werten und Bedürfnissen begründest

Beispiel:

„Wenn ich an deinen Vortrag gestern denke und wie du das Publikum in den Bann gezogen hast, habe ich großes Vertrauen und bin sicher, dass wir mit dem neuen Projekt viele zusätzliche Kunden gewinnen werden. Ich freue mich über diesen Erfolg und danke dir sehr für dein Engagement.“

Foto: Pixabay, Gerd Altmann