Unser Alltag ist voll von moralischen Urteilen über Situationen, andere Menschen und deren Verhalten. Oft machen wir uns gar nicht bewusst, dass wir innerlich ständig und automatisch beurteilen, was uns gefällt und was nicht. Es sind gedankliche Urteile über andere und ebenso uns selbst gegenüber: „Meine Kollegin ist oberflächlich“, „ich sollte nicht so schusselig sein“ „auf meine Freundin kann man sich nicht verlassen“, „unsere Nachbarn sind total rücksichtslos“, „die Frau an der Kasse sollte sich schämen, mit einem derartigen Ausschnitt zu kassieren“, „ich bin nicht klug genug“. Und das sind „nur“ unsere Gedanken. In diesem Beitrag schreibe ich darüber, warum ein Werturteil besser ist als ein moralisches Urteil.

Ich sage doch nur meine Meinung?

Nicht anders sieht es in der direkten Kommunikation mit unserem Gegenüber aus. Wir urteilen, bewerten, vergleichen, beschuldigen, interpretieren, maßregeln, stellen Diagnosen, vergleichen, kritisieren. Darauf angesprochen, sind wir zunächst erstaunt, manchmal gekränkt oder verärgert: „Wieso, ich sage doch nur meine Meinung.“ Verbindende, wertschätzende Kommunikation geht anders – dazu später mehr. Doch wie kommen wir den moralischen Urteilen auf die Spur?

Was kennzeichnet ein moralisches Urteil?

  • Die Aufmerksamkeit richtet sich immer auf den anderen (Du/Er/Sie/Ihr)
  • Wir orientieren uns an Kategorien wie Recht/Unrecht, Falsch/Richtig, Gut/Böse
  • Wir denken an Bestrafung, Rache, Vergeltung; Neid und Missgunst stehen im Vordergrund; wir füttern unsere Feinbilder
  • Wir bewirken Gefühle wie Scham, Schuld, Angst, Depression
  • Wir verlieren Vertrauen, Mitgefühl, Hingabe, Freude, Lebendigkeit, Kontakt und Nähe im Miteinander

Welchen Nutzen haben wir von moralischen Urteilen?

Vermeidlich versuchen wir mit einem moralischen Urteil unser Selbstwert zu sichern. Wir verteidigen, bekräftigen, bestätigen unsere Annahmen, darüber, wie die Welt richtig ist. Wir denken, der andere sei schuld an unseren Gefühlen, an unserem Dilemma, an unseren Problemen. Das führt zu der Schlussfolgerung, der andere müsse nur dieses oder jenes tun und dann gehe es uns wieder gut. Auf die Kurzformel gebracht: Der andere tut etwas, das macht uns kritische Gefühle und wir gehen in den Vorwurf und erheben Forderungen an den anderen. Den größten Nutzen sehe ich darin, dass wir nicht in die Selbstverantwortung kommen müssen und damit in unserer Komfortzone bleiben können.

Das führt im weiteren Verlauf der Beziehung häufig zu stillen Erwartungen. Eine Erwartung, die wir alle bestimmt schon einmal in uns wahrgenommen haben, ist: „Wenn du mich lieben würdest, dann wüsstest du…“, oder an die Kollegen, den Chef: „Sie kennt mich nun schon so lange und müsste eigentlich wissen, dass man sich so nicht verhält“.

Hinter jedem moralischen Urteil steckt ein Bedürfnis

Der Schlüssel zur Lösung liegt darin, (wieder) die Verantwortung für das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu übernehmen. Führen wir uns noch einmal vor Augen, wie der Ablauf hin zu einem moralischen Urteil ist.

Situation – Kritische Gefühle  – Vorwurf – Forderung

Um diesen Ablauf zu unterbrechen, ist es wichtig, dass wir eine Pause machen, zwischen dem Reiz (Situation) und unserer Reaktion (Vorwurf). Unsere Gefühle geben uns dabei wichtige Hinweise darauf, was wir (eigentlich) brauchen und welches Bedürfnis zu kurz kommt. Je stärker diese Gefühle in der Situation sind, desto „hungriger“ ist das Bedürfnis. Wenn wir unseren Gefühlen Raum geben, führen sie uns zu unseren Bedürfnissen und die verbergen sich hinter den moralischen Urteilen.

Ein Werturteil schafft Verbindung, Klarheit und Vertrauen

Wir urteilen, das ist keine Frage. Es ist allerdings wichtig, wie wir mit unseren Urteilen umgehen und auf welche Aspekte wir uns konzentrieren. Mit dem moralischen Urteil erzeugen wir Konflikte, mit dem Werturteil drücken wir aus, was wir jetzt gerade fühlen und brauchen. Mit Werturteilen übernehmen wir Verantwortung und orientieren uns an unseren eigenen Bedürfnissen und Werten.

Was kennzeichnet Werturteile? Und warum ist ein Werturteil besser als ein moralisches Urteil?

  • Wir übernehmen Verantwortung für unsere Gefühle und begründen diese mit unseren Bedürfnissen – „Ich bin traurig, weil ich gern die Zeit mit dir verbracht hätte.“
  • Wir sind mit der Aufmerksamkeit bei uns selbst (Ich) und drücken aus, was uns wichtig ist, was wir brauchen – „… weil ich brauche“, „weil mir wichtig ist“
  • Wir beziehen uns in Konflikten auf die Bedürfnisse statt auf unsere Position zu beharren
  • Wir machen einen Unterschied zwischen Situation (Auslöser) und der Ursache
  • Wir stehen aktiv ein, für das, was wir brauchen und formulieren Bitten, die zum Handeln motivieren – konkret, nachprüfbar, positiv formuliert: „Bitte räume dein Zimmer bis zum Mittagessen auf, okay?“
  • Meine Haltung und Kommunikation ist herzöffnend, mitfühlend, aufrichtig mir selbst und anderen gegenüber
  • jeder Mensch ist gleichwertig und hat das Recht auf die Verwirklichung seiner Bedürfnisse; wir wertschätzen Unterschiede in Menschen
  • Wir sind im Hier und Jetzt und weniger Vergangenheitsbezogen; wir schärfen unsere Wahrnehmung; Beobachten statt Behaupten
  • Wir glauben grundsätzlich an das Gute im Menschen, jeder Mensch tut sein Bestes in guter Absicht
  • Wir gewinnen Klarheit, Authentizität, Vertrauen und Verbindung im Miteinander

Fazit: Werteorientierte Sprache ist aktive Beziehungs- und Friedensarbeit

Ein Werturteil fragt danach, was brauche ich, was braucht der andere und vor allem: Was können wir tun, um das Leben für uns beide besser, reicher, schöner zu machen. Jenseits von Schuld und Rechthaben nehmen wir unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahr und ebenso die unseres Gegenübers. Und sind außerdem bereit, das auch ehrlich und klar zu kommunizieren. Das Konzept entstammt der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg.

„Ich bin genervt, weil mir wichtig ist, in meiner Präsenzzeit effektiv zu arbeiten.“ – ich äußere meine Gefühle und was mir wichtig ist.

„Bist du verärgert, weil du dir mehr Interesse für dein Anliegen wünschst?“ – ich nehme den anderen wahr und ernst, erkunde seine Gefühle und Bedürfnisse.

Der Ablauf:

Wahrnehmen der Situation – Ausdruck Gefühl – Ausdruck Bedürfnis – Formulierung Bitte.

Eine werteorientierte Sprache hilft uns im Alltag zu äußern, was wichtig für uns ist und bringt uns wieder in den Kontakt im Miteinander. Es ist aktive Beziehungs- und Friedensarbeit.

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